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Konstantin Wecker/Holger Platta: Stellungnahme zum 8. Mai

Liebe Freunde,
viele haben mich in den letzten Tagen nach meinen Gedanken und Gefühlen zum 8. Mai 1945 gefragt, zum Ende des Dritten Reichs nach einem Krieg, der noch viel furchtbarer als der Erste Weltkrieg gewesen war. Hatte der Erste Weltkrieg rund 17 Millionen Opfer gefordert (darunter 7 Millionen Zivilisten), so endete der Zweite Weltkrieg mit rund 70 Millionen Toten, darunter rund 35 Millionen Opfer aus der Zivilbevölkerung. „Von Deutschland soll nie wieder Krieg ausgehen“ – Das war die wichtigste Lehre nach der Befreiung von Krieg und Faschismus am 8./9.Mai vor 70 Jahren.
Mit dem Historiker Holdger Platta – auch Autor meines Webmagazins „Hinter den Schlagzeilen“ – haben wir eine Stellungnahme zum 8. Mai verfasst. Natürlich kann man hier nur einiges ansprechen, vor allem das also, was uns besonders wichtig erscheint.

Erstens: Es ist von ungeheuer großer Bedeutung, dass dieses Nazi-Regime nicht von einer Bevölkerungsmehrheit an die Macht gewählt worden ist, sondern an die Macht intrigiert wurde, und zwar von sogenannten „Eliten“ des ostelbischen Adels, der Schwerindustrie an Rhein und Ruhr, und von dienstwilligen Finanzleuten und ultrakonservativen Politikern um den Reichspräsidenten Hindenburg herum. Selbstverständlich stehen wir heute nicht vor derselben Situation. Aber auch unsere heutige Demokratie wird mehr und mehr von oben her ausgehöhlt, von Bankern und Spekulanten, von Politikern, die ihnen zu Diensten sind – und die großen Medien schweigen sich gerne darüber aus.
Zweitens: Dass die Weimarer Republik – eine „Republik ohne Republikaner“, wie es später einmal hieß – nach Beginn der Weltwirtschaftskrise im Spätherbst 1929 zunehmend an Rückhalt in der Bevölkerung verlor, lag daran, dass spätestens mit dem katholischen Reichskanzler Brüning (Zentrumspartei) die Zerstörung des Sozialstaates Weimarer Republik begann. Die Demokratie interessierte sich immer weniger für die sozial und ökonomisch gefährdeten Menschen. Also interessierten sich auch immer weniger Menschen für diese Demokratie (an der Spitze Angehörige des sogenannten „Mittelstandes“). Auch in dieser Hinsicht beginnen sich die Bilder zu gleichen, was die heutigen Verhältnisse im Vergleich zu den damaligen betrifft. Seit Jahren gehen in der Bundesrepublik die Wählerzahlen zurück, spätestens seit 2005 – Stichwort „Hartz IV“ – werden Menschen ins äußerste Elend herabreglementiert. Sehen so Rechtsstaat, Demokratie und Sozialstaat aus? Ich glaube nicht. Die Politik in der Bundesrepublik produziert mehr und mehr Verzweiflung und Zweifel an der Demokratie. Wer redet davon? Leider meist nur Pegida und  rechtsnationale, die allerdings den Zusammenhang völlig falsch darstellen und falsche Schlüsse ziehen. Sie sind nicht bereit oder einfach nicht fähig, den wahren Gründen auf die Schliche zu kommen. Statt dessen suchen sie sich die Ärmsten der Armen, um einen Schuldigen zu finden: die Flüchtlinge.
Drittens: Doch nicht nur die Arbeitslosen und Armutsrentner behandelt die offizielle Politik wie den letzten Dreck. Ebenso empörend geht sie, dieses nur als Beispiel, mit Griechenland um. Unter dem Tarnbegriff „Austeritätspolitik“ produziert die EU an der Wiege der europäischen Demokratie  rassenelend in unfassbarem Ausmaß, mit Deutschland an der Spitze dieser Politik. Und Wiedergutmachung für erlittenes Unrecht während des Zweiten Weltkriegs – finanzielle Wiedergutmachung, wenigstens das! – verweigert die Bundesrepublik den Griechen mit jämmerlichsten Ausreden und erbärmlichsten Tricks. Sieht so, den Opfern gegenüber, Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit aus? – Nein, Humanität kann ich in dieser Erbärmlichkeit nicht erkennen. Gelernt hat Deutschland aus dem Zweiten Weltkrieg, was Menschlichkeit betrifft, in diesem Bereich gar nichts! Und als allerletztes und viertens geht mir auch dieses zum Gedenktag 8. Mai durch den Kopf: das Versagen bloß intellektueller Erziehung und Bildung vor und während des Dritten Reichs. Es waren zahlreiche Universitätsstädte, in denen die NSDAP während der Weimarer Zeit zuallererst Fuß fassen konnte. Es waren Akademiker, die zuallererst und in großen Scharen sich einließen auf die NS-Ideologie. Bildung des Herzens, Empathie, Mitmenschlichkeit, das hatte nicht zum Bildungskanon der nazistischen Vorgeschichte gezählt. Schon während des Kaiserreichs nicht, auch nicht während der Weimarer Republik, und schon gar nicht während des Dritten Reichs selbst. Und vergessen wir nicht, liebe Freunde: diese „schwarze Pädagogik“ blieb Erziehungsideologie bis weit in die ersten Jahrzehnte unserer Demokratie hinein (man stelle sich vor: die Prügelstrafe an bundesdeutschen Schulen wurde erst im Jahre 1973 abgeschafft und für die Erziehung in den Elternhäusern erst 1980 unter Strafe gestellt). Doch ohne Frieden in der Erziehung gibt es auch keine friedlichen Menschen. Und das alles bedeutet für mich: Wer also am 8. Mai dieses Jahres nur rückwärts gerichtet die Unmenschlichkeiten des Dritten Reiches beklagen wird, schwätzt sich über alle Konsequenzen für heute hinweg. Auf der Tagesordnung stehen – als Faschismus-Prävention! – Entmachtung der Soziopathen in Wirtschaft und Politik, endlich wieder Sozialpolitik, die ihren Namen verdient, Schluß mit der brutalen Austeritätspolitik, die ganze Staaten in den Abgrund treibt, Reparationszahlungen, die wenigstens als Geste den Opfern von einst deren Würde zurückgibt, und wieder und wieder, Tag für Tag, auch in allen Erziehungsbereichen warmherzig  praktizierte Humanität, die verhindert, daß erneut aus geschundenen Menschen Menschenschinder werden, wie sie das Dritte Reich kannte, wie sie die Weimarer Republik kannte und auch schon das Kaiserreich zuvor. Wer das nicht begreift an einem 8. Mai, der hat gar nichts begriffen. Wer das an einem 8. Mai nicht ausspricht, der sollte gleich ganz den Mund halten. Wahres zu sagen hätte er nicht.
Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!
Aus: www.hinter-denschlagzeilen.de

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